Settiner See als Biotop und Biozönose

Im Februar 2025 titelt der Nordkurier zum Settiner See: „Karpfen müssen für bessere Wasserqualität sterben – auch Gänse auf dem See stören“. Eine EU-Vorschrift erzwänge die Sanierung. Laut Wasser- und Bodenverband „Obere Warnow“ solle der See bis zum Jahr 2027 sich in einem guten ökologischen Zustand befinden. Es sei eine Machbarkeitsstudie für 68.600 Euro erstellt worden. Die Kosten für die Sanierung würden auf 72.500 Euro geschätzt. Der See sei schwach polytroph, satt eutroph, wie es die Richtlinie fordere. Der Kot der Gänse – sie zu vergrämen wurde angedacht – lassen die Wasserqualität leiden, dazu werde ein Gutachten erstellt. Die Silberkarpfen würden den Boden aufwühlen und so zur Eintrübung des See beitragen, so wurden Silberkarpfen abgefischt und der Tierkörperbeseitigung überlassen. Zudem soll die Pflanzenwelt verbessert werden, wozu Gitterzäune zum Schutz vor Fischen angedacht seien. Soweit der Bericht im Nordkurier.

Wildgänse vergrämen? Für den Settiner See und in 400 Meter Abstand besteht ein Bejagungsverbot für Wildgänse gemäß der JagdZVO M-V 2004, Anlage 27, mindestens bis zum 31.03.2025. Silberkarpfen töten und als Kadaver entsorgen? Silberkarpfen werden eingesetzt, um Algenblüten zu bekämpfen, weil sie Phytoplankton fressen. Bleibt also abzuwarten, ob im Sommer 2025 es zu einer Planktonblüte kommt. Andererseits ist richtig: Silberkarpfen wirbeln das Sediment auf. Die Trübung des Settiner Sees dürfte jedoch durch dessen geringe Tiefe und dadurch bedingt sein, dass der an der Oberfläche angreifende Wind das Wasser bis zum Boden durchmischt.

Die Biotoptypen der Seen können anhand ihrer Pflanzengemeinschaften unterschieden werden. Wenn jedoch Lebensräume keine oder wenige Pflanzenarten aufweisen, werden die Gewässer anhand ihrer Nährstoffe charakterisiert: es sind also oligotrophe, mesotrophe, eutrophe und hypertrophe Stillgewässer. Die Einordnung des Sees richtet sich nach EU-Wasserrahmenrichtlinie, die im Wasserhaushaltsgesetz eine Umsetzung erfahren hat. Zudem gibt es eine Verordnung zum Schutz der Oberflächengewässer. Der Settiner See wurde eingeordnet unter Typ 11 (Polymiktischer Tieflandsee mit relativ großem Einzugsgebiet). Der Settiner hat nach der Definition nur knapp einen relativ großen Einzugsgebiet. Der chemische Zustand wird 2020 mit „nicht gut“, bezüglich der Makrophyten (Wasserpflanzen) 2014 als „schlecht“, des Phytobenthos (Aufwuchsalgen) 2009 als „sehr gut“ und „gut“, Phytoplankton (schwebende pflanzliche Algen und Blaualgen) 2020 als „mäßig“ angegeben. Der Zustand des Settiner Sees wurde als polytroph eingeordnet. Entscheidend ist aber die Angabe des sogenannten Referenz-Zustandes, hier: eutroph II. Dies bedeutet, dass zur Verbesserung der Wasserqualität eingegriffen werden muss.

Kann die vorstehende Bewertung kritisch gesehen werden?

Der Settiner See hat eine Phosphorkonzentration von 72 Mikrogramm pro Liter und wird zwischen eutroph (50-100) und hypertroph (>100) eingeordnet. Doch für die Einordnung kommt es auf die Umgebung an: für einen alpinen See wäre der Wert entschieden zu hoch, für einen See in mooriger Umgebung gilt dies nicht. Der Eintrag von Phosphor kann durch natürliche Prozesse wie Auswaschung aus dem Moorboden erhöht werden. Mehrere Uferstellen des Settiner See grenzen an moorige, morastigere Böden an. Bei niedrigem Wasserstand könnte es zur Entwässerung und damit zur Mineralisierung der Böden kommen und so zu einer Eutrophierung des angrenzenden Oberflächengewässers. Immer wieder wird kolportiert, dass Seen durch die landwirtschaftliche Düngung eutrophiiert werden. Für den Settiner See erscheint dies eher fraglich, denn durch die ohnehin wenigen angrenzenden Ackerfläche verläuft die Ostsee/Nordsee-Wasserscheide.

Der Settiner See zeigt Pflanzengemeinschaften.Teile des Sees werden von Schilfrohr oder Rohrkolben dominiert. Röhrichte stellen einen bedeutenden Lebensraum für Insekten und Wirbeltieren dar. Typische Vogelarten der Röhrichte sind Rohrammer, Rohrdommel und Rohrweihe. Amphibien wie Grasfrosch und Erdkröte können dort ablaichen, ebenso wie verschiedene Fischarten. Wegen der Wassernähe sind Röhrichte auch Lebensraum für verschiedene Libellenarten.

Andere Teile des Sees werden von Teich- (gelbe Blüte) und Seerosen (weiße Blüte) bedeckt. Dieser Biotoptyp ist natürlicherweise nährstoffreich, aber nicht gleichzusetzen mit nährstoffbelasteten Stillseen. Der Naturhaushalt ist intakt, flächige Algen sind nicht vorhanden. Biotop und Biozönose fügen sich zu einem Ökosystem zusammen. Seen mit Seerosen sind Lebensräume etlicher Tierarten. Fische wie beispielsweise der Hecht kommen vor. Zu den Vögeln gehören Teichrohrsänger, Schilfrohrsänger, verschiedene Entenarten und andere. Dort leben auch Laubfrosch, Ringelnatter und andere. Fledermäuse fangen über der Wasseroberfläche Insekten. Und es gibt Libellen.

In Deutschland sind nährstoffreiche Seen mit Seerosen sehr verbreitet. Große natürlich nährstoffreiche Seen findet man nicht nur zahlreich in der Schleswig-Holsteinischen Geest, sondern ebenso in den Mecklenburger Seenplatten. Dieser Biotoptyp ist ein europaweit besonders geschützter Lebensraum. Gemäß Natura 2000 – Code: 3150 "Natürliche, nährstoffreiche Seen und Teiche" sind sie ein Lebensraumtyp, der im Anhang I der FFH-Richtlinie gelistet ist. Das Bundesamt für Naturschutz schreibt in seiner Website: „Für den Lebensraumtyp ist keine Pflege erforderlich. Es gilt Nähr- und Schadstoffeinträge weitgehend zu verhindern bzw. zu vermindern. Eine extensive fischereiliche Nutzung (ohne Zufütterung oder Besatz) ist bei vielen Gewässern möglich. Zu intensiver Bootsverkehr ist zu vermeiden, da dadurch die Uferbereiche geschädigt werden.

“Der Nordkurier berichtet, der vorherige Bürgermeister und sein Stellvertreter baten den Wasser- und Bodenverband, ihre Gemeinde bei der Sanierung des Settiner Sees zu unterstützen. Daraufhin habe der Verband die Trägerschaft für das Vorhaben übernommen. Trägerschaft bedeutet im öffentlichen Recht die Verantwortung oder Zuständigkeit bei öffentlichen Aufgaben. Die Wasser- und Bodenverbände sind öffentlich-rechtliche Körperschaften, die sich der Bewirtschaftung und Pflege von Gewässern sowie der Bodenbewirtschaftung widmen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Interessen ihrer Mitglieder – also auch Kommunen – in Bezug auf Wasserwirtschaft und Bodennutzung zu vertreten und gleichzeitig ökologische und gesellschaftliche Belange zu berücksichtigen. Wasser- und Bodenverbände berücksichtigen zunehmend ökologische Aspekte, wie den Schutz von Flora und Fauna in Gewässern oder die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Die Betonung liegt auf „zunehmend“, was denn heißt: bisher nicht immer. Vielleicht wäre vor weiteren kostenträchtigen Maßnahmen eine Überprüfung der bisherigen Einordnung des Sees angeraten.